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Lebensweltorientierung nach Thiersch
oder


Demokratie-Kritik für Blöde. 


Also du kleiner Volltrottel, damit du es jetzt auch checkst. Guck ma ne, Sido war ja mal nen richtig krasser Typ und so und alle fanden das richtig geil hier so mit aggro Berlin und so ne? Ja der hat sich halt selber voll heftig aus der Scheiße gezogen mit diesem Rap-Ding. Is ja klar, dass der dann auch nur noch diesen einen Film gefahren is. Ja und dann hat der sich halt verändert weil er gedacht hat, ey irgendwie kann es noch krasser werden. Verstehste? Ja und jetzt ist er halt anders aber eben immer noch Sido, nur nicht mehr der ausm Block und so, und ja, halt immer noch voll krass und sogar besser. Auch wenn der das selber nicht gedacht hat, dass ihn noch jemand mag wenn er mal ne mega andere Spur drived und so ne. Wenn sich die Mehrheit für Scheiße entscheidet, dann macht das die Scheiße nicht weniger scheiße. Checkste?



Rehe erlegen und scheiße gucken

Joggen ist immer ein Abenteuer. Ich musste mich trotzdem ein wenig überwinden  überhaupt loszulaufen, das passiert hin und wieder. Ich habe immer Angst Seitenstechen zu bekommen oder mich nicht auf das Laufen einlassen zu können. Dann wird es nämlich so anstrengend, wie es viele dem Joggen nachsagen. Kaum komme ich an meinem aktuell für gut und belaufbar empfundenen Laufgebiet an, überholt mich eine braungebrannte Lauf-Kampf-Menschmaschine. Und diese Maschine scheint verbissen ihr Durchschnittstempo von Bundesjugendspiele-Sprint durchziehen zu wollen. Mir nicht ganz klar warum dies oberkörperfrei erfolgen muss, kurz überlege ich mein Sportoberteil auch auszuziehen - einfach aus Prinzip - und entscheide mich dann aber dazu überhaupt erst mal loszulaufen. Ich habe nicht gegen Männer die ihr Shirt nicht anhaben, er sieht auch so aus als wollte er damit nichts cis-bezwecken. Ich habe etwas gegen Männer die in steinzeitmanier ohne Shirt herum laufen und so tun, als gehöre ihnen die Welt. Fehlt nur noch, dass sie sich dabei auf die Brust hauen und mich mit einem erlegten Reh locken wollen. So lange wir über so eine Art von nacktem Oberkörper sprechen will ich das auch dürfen. Ich kann auch Rehe erlegen und scheiße gucken. Eine Runde aus Eltern und Kindern erlebt in einer großen Runde Spiel und Spaß an der frischen Luft. Sie stehen auf einer Wiese und heben alle gleichzeitig ein Bein. Beim Laufen habe ich eine bestimmte Atemtechnik. Keine Ahnung ob die gut ist, aber wenn ich so atme kann ich sehr lange laufen. Vorausgesetzt, ich kann meinen Kopf abschalten. Ich habe festgestellt, dass ich das nicht erzwingen kann. Das kommt einfach. Ich versuche irgendeine Mitte in meinen Gedanken zu finden, das habe ich mal irgendwo so gelernt, und mittlerweile klappt das ganz gut. Nach und nach fließen sehr viele Gedanken in meinen Kopf rein, so als würden sich in meinem Gehirn Blockaden lösen. Jeden Gedanken lasse ich zu und wiege ihn so lange in meinem Kopf hin und her bis er dazu gehört. Ich denke über Freundschaft nach und über Nähe und über Liebe und was das alles mit mir zu tun hat. Nix, dachte ich lange. Alles was in meinem Leben passiert, passiert, weil ich einen Verstand habe. In meinem Leben dreht sich für mich alles nur um mich. Ich kann, wenn ich loslasse was mir im Weg steht, alles tun. Oder nicht tun. Diese Erkenntnis ist leicht nachzuvollziehen. Aber diese Erkenntnis zu fühlen? Und, was will ich denn überhaupt? Es bringt mir ja rein gar nichts wenn ich das so richtig fühle, dass ich die einzige Person in meinem Leben bin die mir im Weg stehen kann, und dann gar nicht weiß, wovor ich mir im Weg stehe. Was dahinter ist oder was dahinter sein soll. Ich gucke mich von außen an. Der Wald um mich herum saugt mich ein und ich laufe wie von selber grade aus. Ich merke gar nicht, dass ich nicht mehr jogge, sondern nur noch gehe. Ich gehe in so einer Art Häng-Schwing-Gang und grinse vor mich hin, als hätte ich Chemie genommen. Kaum fällt mir das auf ist der Zustand vorbei und ich habe ein wenig Seitenstechen. Ein Jogger läuft an mir vorbei und guckt, ich gucke auch, und entscheide mich zu lächeln. Er lächelt zurück. Oft lächle ich nicht weil ich denke, die andere Person lächelt nicht zurück. Dabei wäre es ja viel befreiender einfach zu lächeln, wenn ich das will. Auch wenn nicht zurück gelächelt wird. Dieser, auch sehr professionell gekleidete, Jogger jedenfalls lächelt zurück. Das ist auch ein klein wenig wie die Busfahrer und Busfahrerinnen die sich grüßen. Ehrenkodex. Ich laufe aus dem Wald heraus, die Gruppe aus bunter Funktionskleidung tragenden auf-einem-Bein-Steher ist weg, eine Frau fotografiert ihren Golden Retriever, der in genau diesem Moment sehr zufrieden angestrengt auf die Wiese scheißt. Die Welt steht noch.  



Spieleabend mit Christian

Quantität ist nicht gleich Qualität. 
Tatsächlich gibt es mittlerweile kaum noch etwas was Christian Lindner und seine FDP nicht sind. Jung, liberal, dynamisch, engagiert, digitalisiert, und jetzt auch noch magentafarben. Denn seit einiger Zeit arbeiten sie an der 20% Hürde. Nach dem erfolglosen Versuch die Menschen wieder für schwarzweiß Fotografie zu begeistern. Wer im Hinterkopf behalten hat, dass nach dem Wahlkampf auch immer vor dem Wahlkampf ist, der dürfte jetzt schon mit Spannung eines beobachten können: Wahlkampf. Noch vor zwei Jahren war genereller Konsens des smarten Blondschopfes, dass die FDP auf Grund der speziellen Weltsicht kein Mehrheitsprogramm für Deutschland sein könne. 

Auf Europaebene gestaltet sich der Kampf um die Wahl eher wie eine Partie Siedler von Catan. Tausche drei Digitalisierung gegen 1 Klimaschutz. Da versteht man ja nur noch Chinesisch! Dabei könnte die FDP vielleicht sogar eine echte Chance sein. Thematisch haben sie ein recht ansprechendes Rundumsorglos-Paket anzubieten. Ein bisschen von allem, und hauptsache frei und selbstbestimmt. Frauen sind jetzt auch dabei. Gut irgendwo in Skandinavien abgeschaut, allerdings schlecht kopiert. Möglicherweise versuchen die selbsternannten Ritter der Marktfreiheit auch nur davon abzulenken, dass ein Wahlerfolg in den eigenen Reihen noch nicht automatisch ein Wahlerfolg in Europa ist. Grade wenn man mit dem Begriff „Positionierung“ ähnlich viel anfangen kann wie mit dem Spruch „links ist da, wo der Daumen rechts ist.“ 

Und nicht nur in Europa wird es eng. Ob Herr Lindner in nächster Zeit den Sprung zum Kanzlerkandidat wagt bleibt abzuwarten. Zumindest arbeitet sein persönliches PR Team auf Hochdruck daran, dass es nicht allzu überraschend käme. Würde Herr Lindners Instagram Profil nicht so wirken wie der eine Mitspieler beim Siedlern, der schon im Vorhinein laut beteuert wie gut er in dem Spiel ist und am Ende natürlich trotzdem verliert. Anstatt wie das Profil einer Person, die man innerhalb der Politik ernst nehmen kann. 



(Achtung, dieser Inhalt enthält Spuren von Satire)



Das Ende 

Angestrengt guckt die Frau neben mir in die Ferne und scheint sehr konzentriert damit beschäftigt zu sein nicht zu schwitzen. Ihre Augen kneift sie etwas zusammen und mittlerweile ist sie mit ihrem Popo ganz an den Rand der Bank an der Haltestelle gerückt. Jede Fläche die man berührt ist bei fünfunddreißig Grad im Schatten zu viel. In der Bahn sind es wahrscheinlich mehr als hundert Grad heiß und ich versuche ein wenig flacher zu Atmen als sonst. Wahrscheinlich verhält sich das genau so wie mit dem Luft anhalten wenn mich jemand hoch hebt. Davon wird man auch nicht leichter. Die Bahn steht schon seit einer Weile und es fühlt sich an als könnte man die Gedanken der Fahrgäste hören. Jeder tut entspannt. Ich frage mich zum wievielten Mal der Mann schräg vor mir seine Brille abnimmt und sich mit einem Taschentuch durchs Gesicht fährt. Das bringt ungefähr gar nichts, denn der Mann hat nicht nur sehr viel Gesicht, er hat auch keine Haare mehr und kann sich offenbar nicht entscheiden, an welcher Stelle seines Kopfes ihn der Schweiß mehr stört. Offensichtlich im Gesicht und ich freue mich, dass die Bahn weiter fährt. An meinem Bein läuft auch ein wenig Schweiß herunter. Lustig, wie jeder versucht mit dieser Wärme klar zu kommen. Es gibt scheinbar ein paar wenige Menschen denen es absolut nichts ausmacht. Da würde ich gerne mal nachfragen. Der Rest sitzt mit irgendetwas fächernd, lethargisch oder angestrengt in die Ferne guckend, irgendwo und versucht es auszuhalten. Diese Hitze ist drückend und erschlägt. Ich frage mich ob sie nur mich erschlägt oder ob nur ich alles so bedrohlich wahrnehme, weil. Ja warum? Ich würde gerne aufstehen und brüllen, dass es, ja verdammt, krass warm ist. Dass es lustig ist wie alle schwitzen, absurd und so menschlich. Und ein wenig Angst macht. Ich glaube, dass alles leichter wird, wenn man drüber redet. Aber der letzte Ort an dem jemand reden will ist wie immer die Bahn. Eigentlich will ich selber auch nicht reden. 
Allen ist heiß, alle schweigen. 
Vielleicht ist das das Ende. 



Das Kleid sieht kacke aus 

Er hat Hüfte, zwei Mal, seine Frau liegt zuhause und verzweifelt, weil sie schon wieder einen Herzinfarkt hatte. Die Kassiererin lacht bitter und er auch und ich mache einen Schritt Richtung dem Platz den man einnimmt, wenn man an der Kasse noch nicht direkt dran ist aber quasi fast. Das ist ja ein vergnügter Start in den Tag sage ich. Die Kassiererin guckt als hätte ich sie gefragt obs okay wäre wenn ich den Einkauf heute einfach mal klaue. Wobei in ihren Augen gleichzeitig irgendetwas leeres liegt. Da komm wir alle hin, sagt sie. Und das geht schneller als du denkst. Sie blinzelt nicht mal. Hallo Frau Malzahn denke ich. Ich habe das schon einmal so ehrlich gehört. Ich habe gefragt, ob das zunimmst, dass alles so schnell geht. Das war die gleiche leere in den Augen. Das Leben war rückblickend nur eine Sekunde. Manchmal denke ich, dass ich das nicht hätte hören wollen. Das war wie wenn jemand frei von der Leber weg, so impulsiv ehrlich, sagt, dass das Kleid kacke aussieht. Meistens sind solche impulsiven, spontanen Antworten so grausam ehrlich. Was macht man mit dem Wissen? Nimmt alles an Gewicht zu, oder sollte man allen Dingen weniger Gewicht zumessen? Mehr machen oder weniger? Generell machen? Das Leben war rückblickend nur eine Sekunde.



Kiffersonntag

Hat irgendjemand lange Blättchen?, brülle ich in gewohnt lauter Art über den Platz vor der Kneipe. Beim Ankommen habe ich ihn schon argwöhnisch beäugt. Ich glaube, er mich auch. Wobei er nur beäugt hat, mein war die Argwohn. Und der Satz im Kopf Was guckst du so, Penner, guck woanders hin. Dabei sitzt er nur da, mit Hut und Sonnenbrille, und guckt. Vielleicht guckt er nicht mal, er hat ja diese Brille auf. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr aus dem Haus. Ich fühle mich verkatert von irgendwas und sozial sehr inkompatibel. Die spanische Truppe guckt, als würden sie gerne dabei sein wenn ich zu besagten Blättchen gekommen bin, aushelfen können sie nicht. Ich gehe also rein um mich damit abzufinden, dass in dieser Sonntagabendgeselligkeit kein Gras geraucht wird, da bemerke ich, dass der langhaarige Typ mir gefolgt ist. Naja, also, ich wohne um die Ecke und könnte kurz nachhause laufen, welche holen, und dann wiederkommen. Ich gucke ihn an, wahrscheinlich guck ich wie ein Auto. Was denn holen? Gewohnte Kiffer-Schlagfertigkeit. In meinem Kopf versuche ich abzuwägen, ob ich lieber kiffen möchte oder lieber nicht mit ihm zusammen kiffen möchte. Er macht sich also auf den betont kurzen Weg nachhause. Ich glaube die Worte die ich damals zu einer Kollegin sagte waren ungefähr folgende: Okay Alter, also dieser Kerl geht jetzt nachhause und holt lange Blättchen und kommt wieder. Ich glaube, der ist ganz nett aber ich kenne solche Typen, den werden wir nie wieder los, und der will bestimmt mitkiffen. Zehn Minuten später steht der recht kleine, dafür aber sehr bärtige und sehr tätowierte Mann wieder vor mir und wedelt mit langen Blättchen vor meinem Gesicht herum. Er erinnert mich an das Känguru. Hallo, ich bin wieder da, ich spiele jetzt eine Rolle in deinem Leben. Das weiß du nur noch nicht. Ein Jahr später, mein Handy klingelt. Der kleine, bärtige, tätowierte Mann ist dran und erzählt mir Dinge über das Leben, während er spricht nehme ich das Telefon mit auf Klo und mache Pipi. Ich mag das, weil er mein Freund geworden ist. Das war er wohl auch schon an diesem komischen Sonntagabend. Irgendwie. Und ich denke von Zeit zu Zeit daran, wie gut es war, dass er noch lange Blättchen geholt hat.



Eine Liebeserklärung

Niemand sollte sich dazu verpflichtet fühlen, mehr über sich zu erzählen, als nötig. Und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Die Überlegung, etwas zu erzählen oder nicht macht es zu einer überdimensionalgroßen Sache und zu etwas, was so seltsam ist, dass man es extra ansprechen muss. Outing bedeutet für mich in erster Linie, dass etwas ausgesprochen wird, was erst durch die Meinung, das Einverständnis oder auch die Ablehnung des Gegenüber legitimiert wird. Jetzt weißt du wer ich bin, jetzt kannst du entscheiden, ob du damit klar kommst. Damit. Bin ich ein psychisch gestörter Sonderfall? Muss ich mich irgendwie angemessen verhalten? Muss ich jetzt verantwortungsvollen Umgang zeigen? Verantwortungsvolleren Umgang als…? Jemand der gesund ist? Der Punkt ist, ich bin gesund. Vielleicht sogar gesünder als die, deren Kopf ganz normal funktioniert. Ich will nicht sagen, dass man sich da mit voller Wucht rein lehnen sollte und alles immer super easy ist, es gibt Schattenseiten und Probleme

ABER 

Ich sehe Dinge, die du nicht siehst. Während du mir etwas erzählst, schleicht hinter dir an der Mauer eine kleine Amsel durch das Laub. Sie sucht etwas, was mich daran erinnert, dass ich auch noch etwas suchen wollte. Ich habe vergessen, etwas zu suchen sage ich. Du redest grade von deiner Bekannten, dass es grade komisch ist. Ob ich dir zuhöre? Natürlich höre ich dir zu. Ich sehe dich und ich höre dir zu und gleichzeitig sehe ich die ganze Welt. Manchmal frage ich mich, ob andere Menschen wirklich fokussierter sind. Vielleicht ist das gar nicht so. Du erzählst was und an uns geht ein Mann mit einem Hut vorbei, ich gucke dich an, höre zu und überlege, wie es wohl unter dem Hut aussieht und was ich morgen esse, da fragt der Mensch an der Theke ob noch jemand etwas trinken will und ich schreie ICH und hechte in einem Schritt Richtung Alkohol und du stehst da und denkst, ich höre dir nicht zu. Ich höre dir immer noch zu. In der Uni ist es besonders lustig. Ich beobachte alle menschlichen Eigenarten die um mich herum passieren in den Vorlesungen und Seminaren. Ich kenne euch alle besser, als ihr wisst, weil ich so viel beobachte. Gleichzeitig. Ich glaube ich fahre nächste Woche mit dem Zelt los sage ich in deine Gesprächspause. Du hast grade von deiner Küche erzählt. Und ja, ich habe zugehört. Ich muss mich immer bewegen, es ist ein Klischee, aber es ist keins. Ich kann nicht ruhig auf einem Stuhl sitzen. Ungeduld und Impulsivität sind meine besten Freunde. Ich muss mich regelmäßig von Handys, Tassen, Figuren, Blumentöpfen verabschieden, weil ich manchmal Sachen gegen Wände werfe, denke ich grade. Eigentlich wollte ich schreiben, es könnte mir jemand sehr viel Geld für das ruhig auf dem Stuhl sitzen bieten, ich müsste es ausschlagen. Ich habe mehr Hobbys angefangen, als du in deinem ganzen Leben machen wirst und genau so viele wieder aufgehört. Ich lerne schnell, verstehe Zusammenhänge übernormal fix und finde immer eine Lösung. Das fühlt sich dann an, wie wenn ein Computer mit Betriebssystem Windows 98 abstürzt und ganz viele grüne Zahlen vor schwarzem Hintergrund herunterrattern. Mein Kopf ist permanent am Scannen von allem, was sich in ihm befindet. Vielleicht hast du bei Instagram schon mal etwas gesucht und an deinem Handy auf dem Display nach unten gezogen. Da erscheint ein kleines Rädchen am oberen Rand und die App aktualisiert sich. Neueste Storys tauchen auf und generell viel neues. Mein Kopf macht das eigentlich alle zwei Sekunden. Ich kann nichts festhalten. Vielleicht war das auch was aus Matrix, denke ich grade über die Sache mit Windows 98. Ich stehe morgens um halb acht auf weil ich einen inneren Motor habe, der nicht mal eine Sekunde zum wach werden braucht. Langeweile ist meine größte Angst und das Wort Entspannung existiert in meinem Kopf nicht. Manchmal freue ich mich darauf abzuhängen und zu entspannen. Ich bin maximal fünf Minuten entspannt. Sex klappt auch oft nicht so gut, weil Sex eben meistens nicht nur fünf Minuten dauert, aber das ist okay. Ich höre dir übrigens immer noch zu und plane währenddessen mein Leben. Ich stehe an einem Bahnsteig und um mich herum fahren sehr sehr viele Züge in die unterschiedlichsten Richtungen. Oder stell dir vor, du bist sehr müde, sehr gestresst und irgendwer macht die ganze Zeit sehr nervige Geräusche mit irgendetwas. So lange, bis du am liebsten zuschlagen willst. Das sind Momente, in denen ich tauschen will. Zwingt es eine Situation ruhig zuzuhören, tut mein ganzer Körper weh. Ich fange an zu schwitzen, kratze mich und will irgendetwas gegen die Wand werfen. Ich stelle mir dann vor, dass ich immer größer werde und meine Haut beginnt wie die von diesem Kerl, der sich in Hulk verwandelt, zu spannen   und zu platzen und wie ich mir alle Haare rausreiße und laut schreie, dass du einfach die Fresse halten sollst. Weil ich das nicht kann und nicht gemein sein will, muss ich doch an der ein- oder anderen Ecke lernen, mit mir umzugehen. In den meisten Momenten allerdings empfinde ich ein enormes Gefühl von Altervadder, was hab ich n scheiß Glück, dass ich so viel sehe und fühle und mitbekomme. 

Für mich ist es keine Psychische Störung. Es bezeichnet den Umstand, dass mein Kopf schneller ist als deiner. Ich würde mir wünschen, dass die ersten Ergebnisse, die Ecosia anzeigt, Artikel über das Genie, die Lebendigkeit und den klitzekleinen Wahnsinn sind, die ADHS ausmachen, und warum es so ein allumfassender Vorteil sein kann, wenn der eigene Kopf so funktioniert. 








(Wenn du das Gefühl hast, dass du ADHS hast und darunter leidest, dann ist es vielleicht eine gute Idee mit anderen darüber zu reden, oder dir sogar Hilfe zu suchen, die sich unterstützen kann, dein Leben damit gut zu gestalten. Mein Blog spiegelt lediglich meine Meinung und meine Gedanken wider.) 



4,95 €

Jedes Mal bevor die Haustür verlassen wird – ein kurzer Blick in den Spiegel. Und ein kurzer, oder auch ein etwas längerer, Zupfer an dieser oder jener Stelle. Ein genervter Blick, ein Seufzen. Und dann der Gedanke, ausgehend von andauernder Selbstzweifelei, etwas zu verändern. Nicht an den Zweifeln natürlich. Nicht an der Einstellung zu sich selbst. Eher die Form von Veränderung, bei der sich die Zahlen auf dem Konto dm-Einkaufsbedingt ändern. Und zwar um etwa 4,95 €. So viel kostet Haarfarbe. Ein Lächeln vor dem Verlassen der Haustür! Ja, mit der neuen Haarfarbe wird alles anders. Besser. Das Problem dabei ist, dass das Problem nicht die Haare sind. Oder der Lippenstift. Ganz zu schweigen von dem Pickel, den man gut, weniger gut oder gar nicht abdeckt. Noch nie hat sich jemand durch das Wechseln einer Haarfarbe grundlegend verändert. Kurzzeitig, ja. Die Stimmung vielleicht. Oder auch nicht, wenn die Haarfarbe eher Richtung Griff ins Klo als in Richtung „Wow – Wie vom Friseur!“ geht. Genau so wenig, wie man sich Selbstbewusstsein mit einer Hose anziehen, wahlweise auch ausziehen, kann. Die Gefahr bei solchen Unterfangen ist die, dass man nie weiß ob man da grade 4,95€ für ein vorgegaukeltes Selbstwertgefühl gezahlt hat oder für die alte Strickmütze. Die genau weiß, dass dies ihre Chance für einen erneuten Einsatz sein kann. Welches Ergebnis das wünschenswertere ist bleibt offen. Selbstverständlich ist es schön, sich mit einer neuen Matte auf dem Kopf toll zu fühlen. Aber wie lange hält das an? Ich kenne niemanden, der im hohen Alter von sich sagen konnte: „Und mit den Haaren, damals mit 22, da hat sich alles verändert. Positiv! Bis heute!“. Der Selbstzweifel hat sich quasi nur noch mal einen Kaffee vom Bäcker geholt. Der leider bloß einen kurzen Fußweg entfernt ist. Möglichkeit zwei – die Strickmütze. Unzufriedenheit ist gar kein Ausdruck. Der Gedanke der über Wasser hält: wächst ja raus! Ja – irgendwann. Genau wie Kurzhaarfrisuren, die irgendwann wieder zu übergangs-dann-halb-lang-fransigen-endlich-lang - Frisuren werden. Man fiebert endlos lange auf den Moment hin, auf den einen Morgen, an dem man nicht mehr das Gefühl hat die Kampflesbe geben zu müssen, nur weil die Haare es einem befehlen – weil Haare wie jeder weiß, auch den Charakter, die Person, ändern. Diesen einen Morgen... Gibt es natürlich nicht. Und plötzlich steht man mit halblangen Haaren da und merkt, dass sich rein gar nichts verändert hat. Außer vielleicht die eigene Geduld und das Shampoo (Jetzt dann das für schnell fettenden Haaransatz und trockene Längen!). Da beschleicht einen die Idee, nur der Ansatz der Idee, das die bessere Investition der 4,95€ die in einen guten Kaffee gewesen wäre. Um ihn beim sich hinsetzen und über sich nachdenken trinken zu können. Nachdenken darüber, dass keine Haarfarbe, keine Frisur, kein nichthalbganz abgedeckter Pickel, keine Jeans – nichts!, dass nicht wirklich etwas an dir ändert. Am Charakter, an den Menschen die einen mögen, an Zweifeln, Ängsten oder schlechten Tagen. Eine Kurzhaarfrisur macht in den seltensten Fällen eine Kampflesbe aus einem und eine Jeans wird kaum dein Selbstbewusstsein verändern. Aber vielleicht ist dies alles, diese ganzen 4,95 mal X Euro die man in seinem Leben für Veränderung ausgibt, doch für etwas gut. Und zwar für diesen kleinen Moment des Nachdenkens. In dem eine Ahnung davon bekommt, dass Veränderung etwas ist, was in einem drin passiert – und die Haarfarbe bloß für einen kleinen Moment die Zweifel weg färben kann.