MENSCH2020 #1


Seit zwei Stunden sitze ich vor meinem Laptop und versuche mir eine berufliche Zukunft zu ergooglen. Das klappt so mäßig. Angefangen damit, dass ich meiner Professorin in einer knappen Mail meinen Wunsch nahelegte, Kommunikationswissenschaften im Master studieren zu wollen. Klingt halt super geil und ich beobachte gerne Leute beim nicht-kommunizieren. Während ich selber nicht kommuniziere. Ich lese erschrocken das Modulhandbuch und komme zu dem Schluss, dass ich zu keinem Schluss komme, habe derweil drei mal Facebook geöffnet, fünf mal wieder geschlossen und verschiedenste Personen aus meinem Umfeld auf Instagram nachgeguckt. Eigentlich will ich gar nicht Kommunikationswissenschaften im Master studieren. Aber wenn ich das in Zukunft doch wollen sollte, dann sollte ich eigentlich lieber gestern als heute schon Zusatzkurse belegt habe, denke ich, schließe zum zehnten Mal den Facebook Tab, und gucke mir einfach das Modulhandbuch einer anderen Universität an. Ausgetrickst, ich bin ja nicht blöd. Das verwirrt mich noch mehr und ich glaube in dem Master wird viel geforscht. Ich kriege Gewissensbisse wegen der Mail an meine Professorin. Dann denke ich mir, ich studiere einfach was anderes im Master. Soziologie finde ich spannend. Noch viel spannender finde ich, dass ich dafür auch einen Bachelor in einem dieser -logie verwandten Fach bräuchte. Ich schließe Facebook und gehe zum Fenster und gehe zurück und öffne Facebook. Ich schließe Facebook und denke mir, dass es eigentlich auch egal ist, was ich studiere. Dieser Gesellschaft, die dir einredet, dass du nur etwas bist wenn du einen hohen akademischen Grad oder über so-und-so viel Follower, ich schließe Facebook, hast, will ich auch gar nicht angehören. Ich gehe zum Fenster und denke: Tust du aber. Ich google wie man sein Vollabitur nachholen kann, strukturiere meine Hausarbeit für mein Papierkorb-Journalismus Studium und versuche erneut das Modulhandbuch für Soziologie UND Kommunikationswissenschaften zu lesen. Ich könnte natürlich auch mein Studium abschließen und einen zweiten Bachelor machen. Ich hätte auch in meinem Studium bisher besser aufpassen können anstatt herum zu philosophieren und dann einen Journalistik Master machen können. Wenn ich eine Referenz brauche, irgendwann mal ein Buch schreiben zu können, dann bitteschön. Ich ärgere mich über die Paywall bei der FAZ während ich mich über die FAZ ärgere und mir fällt wieder ein, dass ich nur weiterhin Journalismus studiere, weil mir nix anderes einfällt und ich monatlich Bafög auf mein Konto bekomme. Ich könnte auch einfach jetzt ein Buch schreiben, schnell damit Geld verdienen und dann, ich schließe Facebook. Mir fällt auf, dass ich ja dann gar keine Ziele mehr für meine Zukunft hätte. Nur noch solche, die ich mit einfachen Formeln erreichen kann. Mein Kopf hat mittlerweile schon fünf Pläne ausgearbeitet, wieder verworfen und mich drei mal nahe an den Rand eines komplett Abbruchs befördert, da fällt mir die Unnötigkeit meiner versuchten Unternehmung auf. Ich befinde mich grade an einer Stelle in meinem Leben, die ich vor zwei Jahren nicht hätte voraussagen können. Genau so wenig, wie ich gestern heute voraussagen hätte können. Ich kann nur für Bedingungen sorgen, wenn ich weiß, welche es für was sein müssen. Welch philosophische Erkenntnis, denke ich, schließe Facebook, und ärgere mich, dass ich so viel wertvolle Lebenszeit mit dieser Grübelei und Sucherei vertan habe. Wie so oft. Aber wer sagt mir, dass er vertan war, wenn ich meine Zukunft noch nicht kenne?